Orgelkonzert zum 30-jährigen Jubiläum der Einheit

Herzliche Einladung zum Orgelkonzert
am Vorabend des 30-jährigen Jubiläums der Einheit!
2. Oktober 2020, 20 Uhr
Passionskirche Berlin-Kreuzberg

Erklingen wird festliche Musik von J.S. Bach, aber auch Werke aus den beiden deutschen Staaten vor 1990, in denen Brüche und Schicksale hörbar sind, u.a. von T. Medek, A. Pärt und R. Zechlin.

an der Schuke-Orgel (1957): Johannes Stolte

Der Eintritt ist frei, eine Spende zur Erhaltung der Schuke-Orgel in der Passionskirche wird erbeten.

Um den Einlass zu beschleunigen und sich auf die Besucherzahl einstellen zu können, ist eine Anmeldung im Gemeindebüro erwünscht: 030 691 20 07 oder gemeindebuero@heiligkreuzpassion.de

PS zum Vormerken: Das nächste Konzert findet am 6. November um 20 Uhr in der Passionskirche statt. Amanda Markwick (Traversflöte) und Johannes Stolte spielen u.a. die tolle E-Dur-Sonate von J.S. Bach und andere Werke u.a. von dessen Sohn C.P.E. Bach.

Konzerteinführung

Wir feiern 30 Jahre Wiedervereinigung, die am 3. Oktober 1990 offiziell wirksam wurde. Ich war an diesem Tag zwei Jahre und vier Tage alt, bin also nicht der beste Zeitzeuge. Und doch habe ich auch als jemand, der die Teilung und Wiedervereinigung nicht bewusst erlebt hat, das Gefühl, dass mich diese Zeit geprägt hat. Deshalb beschäftige ich mich gern mit dem Thema und habe versucht, ein interessantes Programm zusammenzustellen, dessen Leitgedanken ich Ihnen kurz erklären möchte.

Den Rahmen bilden Präludium und Fuge in Es-Dur von Johann Sebastian Bach. Es ist eines der Werke Bachs mit dem höchsten kompositorischen Anspruch, gleichzeitig kann man es auch einfach als große, festliche Musik hören. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, wie Bach die verschiedensten Stile seiner Zeit nahtlos innerhalb dieser Stücke vereint: Man hört alte Vokalmusik, italienische Concerti und französische Repräsentationsmusik. Das Alte verbindet sich mit dem Neuen, die Einheit liegt in der Vielfalt: Das sind doch schöne Bilder auch zum 3. Oktober.

Auf einer anderen Ebene sind die Stücke eine Feier der Zahl drei – natürlich ursprünglich theologisch bezogen auf die Dreieinigkeit Gottes. Es-Dur hat drei bs, die Fuge ist eine Tripelfuge (also eine mit drei Themen, die im weiteren Verlauf miteinander kombiniert werden) und eine Menge kleinerer Bezüge gibt es noch, die hier zu weit führen würden. Und wir feiern drei Jahrzehnte am 3. Oktober – also, die Zahlensymbolik stimmt auch 😊. Bach war aber auch für nahezu alle der Komponisten, die heute zu hören sind – ob Ost oder West – der große Fixstern.

Tilo Medek führte der Weg als vielseitig interessierten Studenten in der DDR von der Musikwissenschaft über Psychologie, Theologie und Gartenbauarchitektur hin zur Komposition. Sein Stipendium wurde ihm allerdings entzogen, nachdem er sich nach dem Mauerbau weigerte, seine Bereitschaft zur Verteidigung der DDR mit der Waffe zu unterschreiben. Deshalb musste er sich seinen Lebensunterhalt ab 1962 freischaffend verdienen, vor allem als Komponist von Bühnen- und Hörspielmusik.

1968 kam es während des Prager Frühlings zu weiteren Konflikten mit dem SED-Regime und als er schließlich den Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns mit unterschrieb, führte das 1977 zu seiner eigenen Ausbürgerung. Seine zweite Lebenshälfte verbrachte er als geachteter Komponist in der BRD bzw. im geeinten Deutschland.

„Gebrochene Flügel“ wurde 1975, also 2 Jahre vor seiner Ausbürgerung, für die Schuke-Orgel im Reutersaal der Humboldt-Universität komponiert. Kleiner Exkurs: Auch wir haben hier eine Schuke-Orgel, die nur zwei Jahre älter ist und insgesamt sehr ähnlich zu dem Instrument in der Humboldt-Universität. Allerdings haben wir eine Karl-Schuke-Orgel und im Reutersaal steht eine Alexander-Schuke-Orgel – die Namensgleichheit ist kein Zufall und auch dahinter verbirgt sich eine Teilungsgeschichte. Das Stück von Tilo Medek passt jedenfalls hervorragend auf beide Orgeln.

Medek interpretiert sein Stück folgendermaßen:

„Einem […] [Musikautomaten] scheint dieser Engel entkommen zu sein, der nun – da er zur Kunstfähigkeit erhoben werden soll – sich die Flügel bricht und in seine mechanische Leblosigkeit zurücksinkt.“

Tilo Medek eckte mit seiner Kunst und seiner klaren Positionierung zu diesem Zeitpunkt bereits bei den DDR-Oberen an. Vielleicht spiegelt sich in „Gebrochene Flügel“ auch das Selbstbild eines Künstlers, der sich permanent gegen eine ideologisch geprägte Staatskunst behaupten muss. Eine Klangsprache wie in diesem Stück und die offene Darstellung von Ecken, Kanten und Brüchen entsprach jedenfalls nicht der Idee von Kunst im Arbeiter- und Bauernstaat.

Wie viele andere Künstler musste Tilo Medek dies ganz persönlich erfahren und wurde schließlich zur Auswanderung gezwungen.

Ein berührendes musikalisches Dokument einer solchen Ausreise können Sie im dann folgenden Stück hören. Der estnische Musikwissenschaftler Toomas Siitan hat in den 70er Jahren bei Arvo Pärt Komposition studiert. Nachdem Pärt sowohl mit seinen frühen avantgardistischen Werken als auch mit seiner Hinwendung zur religiösen Musik und der daraus folgenden Entwicklung seines sog. Tintinnabuli- (Glöckchen-) Stils permanent Gegenwind seitens der sowjetischen Kunstfunktionäre bekam, entschied auch er sich zur Emigration Richtung Westen. Er lebte von 1981 bis 2008 in Berlin-Lankwitz, bevor er in seine estnische Heimat zurückkehrte.

Sein Freund und Schüler Toomas Siitan begleitete ihn auf der Reise ins Exil bis nach Brest, dem damals letzten Bahnhof in der Sowjetunion, bevor sich ihre Wege auf unbestimmte Zeit trennten.

Sein Capriccio, das übrigens auch in der Tintinnabuli-Technik komponiert ist, wirkt für mich wie eine ganz persönliche, intime Verarbeitung des Abschieds, wie ihn so viele erleben mussten, fröstelnd am Bahnhof an einem Januartag im Jahr 1980. Das Gefühl von Trauer, Unsicherheit und Ohnmacht herrscht vor, nur gelegentlich aufgehellt durch Erinnerungen an die gemeinsame Zeit.

Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand gedacht, dass sich die politischen Verhältnisse schon wenige Jahre später so ändern sollten, dass doch wieder Hoffnung bestand.

Die schier unerträgliche Spannung, die sich bis 1989 aufgestaut hatte und schließlich die Massen zum Niederreißen des Eisernen Vorhangs bewegte, wird in dem Werk „Wider den Schlaf der Vernunft“ von Ruth Zechlin fast körperlich erfahrbar.

Im Oktober 1989 trafen sich Künstler in der Berliner Erlöserkirche, um gegen Gewalt und für Demokratie zu demonstrieren – unter ihnen neben Schriftstellern wie Christa Wolf und Stefan Heym auch die Berliner Komponistin Ruth Zechlin, die den Abend mit diesem Orgelstück eröffnete.

Sie war die erste und einzige Professorin für Komposition in der DDR und hatte mit dem akademischen Weg eine andere Möglichkeit als Medek und Pärt gefunden, mit den äußeren Zwängen umzugehen. Nach 1990 war sie zunächst mit Heiner Müller Vizepräsidentin der Ost-Berliner Akademie der Künste. Der spätere Umzug an die Alpen samt Konversion zum Katholizismus eröffnete den Weg zu ihrem kompositorischen Spätwerk, in dem sie sich vor allem der geistlichen Musik zuwandte (also eine Gattung, die ihr vorher gar nicht offenstand). Eine spannende Persönlichkeit, die wir hier ganz politisch am Dreh- und Angelpunkt ihres künstlerischen Lebens hören.

Der Titel bezieht sich auf eine berühmte Radierung Goyas, die Sie vielleicht vor einigen Jahren bei der in der Alten Nationalgalerie gesehen haben und die im Programm abgedruckt ist. Goyas Leben und seine Zerrissenheit angesichts der herrschenden Umstände im Spanien des späten 18. Jahrhunderts, wo die befreiende Wirkung der Französischen Revolution noch auf sich warten ließ, war dank eines erfolgreichen DEFA-Filmes vielen in der DDR geläufig. Der Alptraum, den Goya hier zeichnete, brachte offenbar für viele Künstler das Zeitgefühl im Jahr 1989 gut auf den Punkt – das Stück von Ruth Zechlin ist also auch als ein Weckruf oder besser – Schrei zu verstehen.

Aus dem gleichen Jahr stammt Arvo Pärts Orgelwerk „Mein Weg hat Gipfel und Wellentäler“ nach einem Gedicht des französischen Lyrikers Edmond Jabès, das Sie ebenfalls im Programm abgedruckt finden. Mit den Worten, die Jabès eigenes bewegtes Leben als in Kairo geborener Jude reflektieren, konnte sich offenbar auch Pärt und sicher auch viele andere, die Teilung und Wiedervereinigung erlebt haben, identifizieren.

Wie so häufig bei Pärt folgt das Stück einem schlichten Bauplan aus drei Tempo- und Klang-Ebenen, die sich überlappen, auseinander und wieder zusammen streben. Sie entfalten ein minimalistisches und gleichzeitig intensives Klangbild, das ein Spiel mit der Zeit und den Gedanken des Hörers ist.

Mit J.S. Bach endet das Konzert und achten Sie doch einmal darauf, wie anders man ein solches Stück hört, wenn sich dazwischen ein kleines Panorama moderner Orgelmusik aufgetan hat.

Am Ausgang bitten wir um Ihre Spende für die Schuke-Orgel, die Sie heute wirklich in ihrem ganzen Klangreichtum hören, aber die dringend eine Reinigung und Stimmung benötigt. Und wenn Sie der Gemeinde verbunden sind, wissen Sie ja, dass auch bei der Hook-Orgel in der Heilig-Kreuz-Kirche eine Menge zu tun ist. Jede Gabe hilft uns, diese wunderbaren Instrumente zu erhalten.